Fest im Sattel gegen die Depression

Wie Bewegung für Thomas Mann zur Therapie wurde

Thomas Mann

Thomas Mann aus Leipzig ist 48 Jahre jung, verheiratet und passionierter Bahnradfahrer. Er ist erfolgreich und alles läuft gut für ihn. 2015 schleicht sich die Dunkelheit in sein Leben, die immer mehr Raum einnimmt. Bis er sich entscheidet, den Kampf aufzunehmen. Im Interview erzählt uns Thomas, wie er es aus der Depressions-Spirale geschafft hat und welche entscheidende Rolle Sport und Bewegung dabei gespielt haben.

Lieber Thomas, wie geht es dir heute?

Heute geht es mir sehr gut. Das meine ich ehrlich und aus vollem Herzen.

Vor einiger Zeit war das noch anders, du hattest mit einer starken Depression zu kämpfen. Wann und wie hast du das bemerkt?

Ich selbst habe es nicht mitbekommen. Meine Familie war es, die die Veränderungen zuerst bemerkt hat: Ich hatte nur noch schlechte Laune, redete nicht viel, hatte keine Freude mehr an nichts und zog mich immer mehr zurück. Ich flüchtete mich in den Sport. Fast täglich habe ich mich gequält, bin aufs Rad gestiegen und ohne Ziel, ohne Motivation, ja selbst ohne Getränke einfach losgefahren. Hauptsache weg von zu Hause. An meine Familie habe ich dabei nicht gedacht. Meiner Frau war ich keine Hilfe, kein Partner mehr. Im November 2015 ging es dann richtig bergab. Zur anhaltenden Lustlosigkeit und dem fehlenden Antrieb kamen erste Suizidgedanken. Das hat mich schließlich dazu bewogen, einen Termin beim Therapeuten zu machen und von dort ging es direkt in die Klinik nach Leipzig.

Wie hast du dich aus dem Tief wieder herausgekämpft?

Das war ein langer Weg. Fast zwei Jahre war ich krankgeschrieben. 14 Wochen war ich stationär in Behandlung, es folgten täglich Therapiestunden. Die Klinik wurde in dieser Zeit zum geschützten Raum für mich. Ein Rückzugsort der Ruhe, ganz ohne Erwartungen und ohne Stress. Das hat mir sehr geholfen. Dort konnte ich verschiedene therapeutische Angebote nutzen und mich mit Ärzten und anderen Patienten austauschen, meine Gedanken sortieren und mich ganz mir selbst widmen. Ich habe zum Beispiel das Malen für mich entdeckt. Die Bilder aus dieser Zeit habe ich sogar noch. Die größte Verbesserung bemerkte ich aber, als ich in der Klinik begann, täglich zu laufen. Schnell wurde die „Morgenrunde“ vor dem Frühstück zu meiner Kopf-frei-Routine. Im Anschluss folgten verschiedene Therapien und in der restlichen freien Zeit ging ich wieder an die frische Luft.

Was hat sich durch den Sport bei dir verändert? Was hat die regelmäßige Bewegung mit dir gemacht?

Durch das langsame Training an der frischen Luft bin ich wieder zu Kräften gekommen, nicht nur körperlich. In meinem Kopf ist Klarheit entstanden. Als ich dann Ende 2016 auch das erste Mal wieder aufs Rad stieg – genauer gesagt auf das Ergometer in unserem Schlafzimmer, waren die Werte überraschenderweise nicht so schlecht wie ich gedacht hatte. Ich habe gemerkt, dass mein Körper immer noch in der Lage ist, Leistung zu bringen. Also traute ich mich auch wieder ins Freie. Und beim Radeln an der frischen Luft stellte ich fest, dass ich anfing mich selbst und meine Umgebung wahrzunehmen. Das befreite meinen Geist und ich fühlte mich mental viel stärker als vorher. Diese Art der Entspannung beim Radfahren war neu für mich. Vor und während der akuten Krankheit habe ich immer nur den Druck gespürt, eine Leistung abzuliefern, gut zu sein, noch bessere Werte zu haben. Heute bedeutet Sport für mich Zeit zum Abschalten, zum Nachdenken und Sortieren. Ich bin achtsamer geworden, sehe die Natur, höre, rieche und fühle wieder. Und was ganz wichtig für mich ist: ich MUSS nicht unbedingt fahren.

Bist du inzwischen wieder gesund?

Ich arbeite jeden Tag an mir. Eine Depression ist nie ausgeheilt, aber ich fühle mich wieder gut. Sport und Bewegung sind meine Therapie. Inzwischen habe ich auch gelernt, mit schweren und dunklen Gedanken umzugehen. Dann gönne ich mir eine Pause und tue Dinge, die mir guttun, verbringe Zeit mit meiner Familie, schlafe, gehe in die Natur und mache Sport. So bin an der frischen Luft, befreie mich von Druck und Erwartungen und bringe meine Gedanken und meinen Körper wieder in Einklang.

Wie sieht dein Alltag heute aus, welche Rolle spielt Sport dabei? Und wie geht es für dich weiter?

An erster Stelle steht heute meine Familie. Wenn alles gut läuft, bleiben mir ca. 14 Stunden in der Woche für Sport und Bewegung: Krafttraining im Fitnessstudio, Kraftausdauer auf dem Rad und lockeres Ausfahren. Bei besseren Temperaturen gehe ich wieder auf die Bahn. Leider ist das in Leipzig nicht so einfach, deshalb fahre ich auch mal übers Wochenende ins Trainingslager nach Berlin oder Frankfurt. Als ich gemerkt habe, wieviel stärker ich nach der Depression geworden bin, hat mich auch der Ehrgeiz wieder gepackt und ich habe wieder begonnen, mir Ziele zu stecken: Im kommenden Jahr möchte ich nach Manchester zur Senioren WM der Amateure. Ich muss nicht gewinnen, möchte aber eine Zeit erreichen, mit der ich zufrieden sein kann. Auf die Unterstützung meiner Familie, Trainer und Sponsoren kann ich mich glücklicherweise immer verlassen.

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es schwer ist, da alleine rauszukommen. Sucht euch Unterstützung und Rat – bei eurer Familie, bei Ärzten, bei Freunden. Vertraut euch jemanden an. Schaltet einen Gang zurück, findet euer Körpergefühl wieder und geht raus und unter Menschen. Und bleibt in Bewegung! Denn die tut uns allen gut, ob gemeinsam oder allein.

Vielen Dank, dass ihr mir die Möglichkeit gegeben habt, das ganz öffentlich zu machen.

Wir danken dir für deine Offenheit, Thomas!